Das verlorene Seidenkleid und andere Pfandgeschichten

Seit 1872 gewährt die Pfandleihkasse der Zürcher Kantonalbank gegen Verpfändung von Wertgegenständen kleinere Darlehen. Wie dabei eine Angestellte zu einem schmuckenKleid kam und warum sich im Lagerraum temporär enorm viele Schuhe anhäuften, erzählt die folgende Geschichte.

Verpfändete Uhr und Armband um 1980.

Verpfändete Uhr und Armband um 1980.

Seit 1872 betreibt die Zürcher Kantonalbank auf gesetzlichen Auftrag hin in Zürich eine Pfandleihkasse. Über all die Jahre war das «Versatz-Geschäft» kaum profitabel. Und immer wieder ergaben sich diverse Schwierigkeiten, wie in den Bankratsprotokollen nachzulesen ist. 1881 waren z. B. verpfändete Gegenstände nicht ordnungsgemäss verstaut worden und deshalb zwischenzeitlich nicht mehr auffindbar. Der Verwalter und die angestellte «Ladenjungfrau» mussten deshalb für ein verlorenes Seidenkleid eine Entschädigung von je 50 Franken an die Pfandgeberin bezahlen. Immerhin tauchte später ein ähnliches Kleid auf, das niemandem gehörte und der Angestellten als Kompensation für ihre Entschädigungszahlung überlassen wurde. 1895 waren es dann Schuh- und Kleiderhändler, die Teile ihres Warenvorrats aus Platzmangel in ihren Ladengeschäften kurzerhand verpfändeten und so die Kosten für zusätzlichen Lagerraum einsparten. Dieser zweckfremde Gebrauch der Pfandleihe war immer wieder ein Thema, bot sich doch mit der temporären Verpfändung eine diebstahl- und feuersichere Verwahrung von Wertgegenständen zum relativ geringen Preis einer einprozentigen Zinsgebühr. Warum beispielsweise den wertvollen Familienschmuck während eines längeren Urlaubs nicht der Pfandleihkasse anvertrauen?

Wertbeständigkeit als wichtigstes Kriterium

Anfang der 1920er Jahre kam es zu einem rasanten Wertverlust bei gebrauchten Kleidungsstücken, sodass damit bei Versteigerungen kaum noch ein Erlös erzielt werden konnte. Während der kriegsbedingten Güterverknappung waren die Kleider noch relativ hoch eingeschätzt und entsprechend belehnt worden, was nun in der Nachkriegszeit zu Verlusten führte. Die Einschätzung der Wertbeständigkeit und das Erlöspotenzial bei einer Versteigerung machen nach wie vor die hohe Kunst des Pfandleihgeschäfts aus. Heute sind deshalb in den Aufbewahrungsräumen kaum noch getragene Kleider anzutreffen – auch nicht solche aus wertvollen Materialien –, sondern die seit Anbeginn bevorzugten Waren aus wertbeständigem Edelmetall.

Seidenkleid mit Klöppelspitze, um 1885.

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