Die Gartenretterin

Im April 1977 behandelte der Bankrat eine eher aussergewöhnliche Frage: Sollte die Zürcher Kantonalbank einen botanischen Garten kaufen? Da der Erwerb und Betrieb einer Gartenanlage nicht zum Kerngeschäft der Zürcher Kantonalbank gehörten, war der Kauf im Bankrat sehr umstritten.

Aufgrund der heiklen Ausgangslage war der Antrag der Bankkommission für den Kauf sehr ausführlich formuliert – Vorgeschichte inklusive: Der umtriebige Heizölimporteur und Pflanzenfreund Arthur Amsler hatte ab 1961 an der Peripherie von Grüningen einen 17’000 m² grossen botanischen Garten angelegt. Der selbsternannte Dendrologe, ein auf Bäume spezialisierter Forscher, wollte experimentell das Akklimatisierungsverhalten von exotischen Gehölzen und Staudenpflanzen beobachten. Auch die Überprüfung der Winterhärte von Nadelholzarten und der Windfestigkeit einheimischer und fremder Baumarten war Amsler, der sich sein Wissen autodidaktisch angeeignet hatte, ein Anliegen. Die Gegend an der Flanke des Pfannenstiels eignete sich aufgrund der klimatischen Komponenten besonders gut. Und siehe da: «Die Idee wurde durch ein über Erwarten gutes Vegetationsgedeihen schönstens erfüllt.»

Drohender Konkurs

Laut Bericht der Bankkommission begannen die Schwierigkeiten Mitte der 1970er Jahre. Die neu als Aktiengesellschaft organisierten Betreiber mussten einsehen, dass der Erlös aus dem Verkauf von Gewächsen und das Eintrittsgeld des 1973 für das Publikum geöffneten Gartens die Kosten auf Dauer nicht decken konnten, geschweige denn eine Rendite abwarfen. Zur Rettung des Gartens wurde der Verkauf an den Kanton oder den Bund sowie die Überführung in eine private Stiftung oder in eine Genossenschaft erwogen. Alle vier Varianten scheiterten nicht zuletzt auch daran, dass aufgrund der wirtschaftlichen Rezession die Kassen beim Staat und bei Privaten ziemlich leer waren. Da eine Konkurseröffnung kurz bevorstand, richteten sich alle Augen auf die Zürcher Kantonalbank. Sie hatte der Betreibergesellschaft 1972 eine Hypothek gewährt und sprang 1976 auch noch mit einem Betriebskredit ein, um ihr mehr Zeit für eine Lösung zu verschaffen Der Bankrat war im Frühling 1977 also mit der Frage konfrontiert, ob man sich durch einen Kauf des Botanischen Gartens Grüningen «um die Erhaltung einer einzigartigen Forschungs-, Bildungs- und Erholungsstätte verdient machen» oder in der Öffentlichkeit plötzlich als verantwortlich für den Konkurs und die endgültige Schliessung dastehen wollte. Der Kaufpreis betrug 1,2 Millionen Franken. Immerhin boten Land, Pflanzen und Inventar einen gewissen Gegenwert – wenn auch mehr in ideeller Hinsicht.

Prospekte, Flyer und Kleber des Botanischen Gartens Grüningen.
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Prospekte, Flyer und Kleber des Botanischen Gartens Grüningen.

Dendrologen und Pädagogen

Beim Bankrat hielt sich die Begeisterung trotz eines vorgängigen Augenscheins im Garten in engen Grenzen. Insbesondere die geschäftspolitisch fragwürdige Rettung einer konkursreifen Aktiengesellschaft gab bei der anschliessenden Sitzung im Restaurant Adler in Grüningen zu reden. Mit Stichentscheid des Vorsitzenden entschied sich der Bankrat dennoch für den Kauf, denn die knappe Mehrheit wollte den Garten unbedingt erhalten. Die fachliche Betreuung wurde der ETH Zürich übertragen und der Publikumsverkehr stark eingeschränkt. Als Betriebsleiter war weiterhin Arthur Amsler tätig. Ab 1981 konnte der Garten in den Sommermonaten wieder durchgehend für das Publikum geöffnet werden – nun mit freiem Eintritt. 1988 gründeten die ETH Zürich und die Zürcher Kantonalbank eine Stiftung als neues Rechtskleid für den Garten. 2000 zog sich die ETH Zürich allerdings zurück, sodass die Bank den Botanischen Garten Grüningen heute vollumfänglich finanziert. Mit dem 2012 erbauten Schauhaus kann neben den unzähligen Bäumen und Sträuchern neu auch ein architektonisches Juwel bewundert werden, der Diamant von Grüningen. Der Garten ist heute ein beliebtes Ausflugsziel von Familien und Gartenliebhabern. Für Schulklassen bietet sich die Möglichkeit, den Biologieunterricht für einmal live abzuhalten. So sind heute nicht mehr nur Dendrologen, sondern auch Pädagogen mit ihren Schulklassen wesentliche Nutzniesser dieser einmaligen Naturoase. Mit einem regen Tauschhandel von Baum- und Pflanzensamen mit anderen Botanischen Gärten im In- und Ausland tragen der Gartenleiter und sein kleines Team aber auch weiterhin zum Erhalt bedrohter Arten und somit zur Biodiversität bei.

Das Engagement der Zürcher Kantonalbank für Naturerlebnisse im Kanton ist schon alt. Bereits ab den 1960er Jahren unterstützte die Bank den Zoo Zürich mit kleineren Beiträgen, um sich später gezielt für die Nashörner, dem heimlichen Wappentier der Bank, einzusetzen. Seit 2001 ist sie Hauptsponsorin des Zürcher Zoos, der sich immer stärker als Naturschutzzentrum sieht und bei den Besuchenden das Verständnis für Naturphänomene wecken möchte. Seit 2009 besteht ferner die Sponsoringpartnerschaft mit dem Wildnispark Zürich, der einerseits den Naturerlebnispark Sihlwald und andererseits den Langenberg, den ältesten Tierpark der Schweiz, umfasst. Auch weitere Engagements dienen der Schaffung eines attraktiven Naherholungsraums und der umweltverträglichen Entwicklung des Kantons, beispielsweise die finanzielle Beteiligung an der Schaffung einer natürlichen Flusslandschaft an der Stadtgrenze Zürichs, den Limmatauen. Seit 2013 werden der Auenwald und die Kiesbänke von einer Vielzahl von einheimischen Pflanzen und Tieren in Beschlag genommen – zur Freude der flanierenden Naturliebhaber.

Plakat zu Beginn der Sponsoringpartnerschaft mit dem Zoo Zürich, 2001.

Titelbild: Schauhaus im Botanischen Garten Grüningen.

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