Die Gemeinde als wohlgelittene Kreditnehmerin

Um eine angemessene Infrastruktur aufzubauen, waren viele Gemeinden auf eine Vorfinanzierung durch einen Bankkredit angewiesen. Die Zürcher Kantonalbank half, wo es ging, gelangte aber zeitweise an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Die neue Kantonsverfassung von 1869 brachte den Zürcher Gemeinden mehr Freiheit und Selbstständigkeit. Jedoch waren damit auch neue Aufgaben verbunden. So mussten sie sich anfänglich insbesondere am Aufbau der Eisenbahninfrastruktur auf ihrem Gemeindegebiet beteiligen, was mit eigenen Mitteln unmöglich gestemmt werden konnte. Zur Finanzierung gelangten sie unter anderem an die Kantonalbank. Der Bankrat war sich zwar im Herbst 1872 einig, dass solche Darlehen nicht der Hauptzweck der Kantonalbank seien, da diese langfristigen Ausleihungen an die Gemeinden dann nicht mehr für die Finanzierung von privaten und gewerblichen Immobilien zur Verfügung stünden. Er befand aber doch, dass man die Gemeinden nicht im Stich lassen könne und ein Abseitsstehen der Kantonalbank im Vergleich zu anderen Bankhäusern zu stark auffallen würde. Und so wurden in erster Linie Darlehensgesuche kleinerer, finanzschwacher Gemeinden berücksichtigt – etwa zum Bau der Tösstalbahn.

Höchste Eisenbahn für ein neues Schulhaus

Kreditanfragen für andere Investitionen liessen nicht lange auf sich warten, und so kamen später auch Darlehen an besser situierte Gemeinden hinzu. Sie wurden für Schulhaus- und Kirchenbauten, Landankäufe, Strassenbauten, Kanalisation, Bachkorrekturen, Gemeindevermessungen verwendet, ferner für produktive Gemeindewerke (Gas, Wasser, Elektrizität) und den kommunalen Wohnungsbau. Das Geschäftsreglement gestattete Darlehen an Gemeinden ohne Real- oder Personalsicherheiten, sofern die ökonomischen Verhältnisse der Gemeinde eine Gewähr für die Rückzahlung boten. Die Höhe des Steuerkapitals und des Steuerfusses waren dafür die wichtigsten Indikatoren. Zudem war das Kapital innerhalb von 25 Jahren zu amortisieren und ein Tilgungsplan vorzulegen.

Viele Anfragen zwingen zu Einschränkungen

Aufgrund der stetigen Zunahme der Darlehensgesuche bereiteten diese faktisch als Blankokredite zu wertenden Ausleihungen ein gewisses Unbehagen im Bankrat. Man empfahl den grösseren Gemeinden immer wieder die Ausgabe von Anleihen auf dem Kapitalmarkt, bei der die Kantonalbank gerne ihre Hilfe anbot. Oder man bat die Gemeinden in Rundschreiben, sich bei den Infrastrukturinvestitionen etwas einzuschränken. Zur Veranschaulichung des Übereifers wurde in der Bankratssitzung vom April 1914 der Fall einer damaligen Vorortgemeinde der Stadt Zürich vorgebracht, die eine Strasse Richtung Stadt Zürich baute, obwohl die Stadt die Anschlussstrasse bis zur Stadtgrenze noch gar nicht erstellt hatte. Zur Ehrrettung der Gemeinden wurde aber auch konstatiert, dass die Wünsche vielfach von den kantonalen Behörden ausgingen, die ein «neues, schöneres Schulhaus» oder eine bessere Wasserversorgung forderten.

Was ist wirklich wichtig?

Trafen zu viele Darlehensgesuche ein, musste die Zürcher Kantonalbank aufgrund ihrer eigenen Kapitalbasis immer wieder Einschränkungen bei der Kreditvergabe machen. 1964 gab man beispielsweise nur noch für dringende Vorhaben wie Kläranlagen, Schulhäuser und Spitalbauten grünes Licht. In einigen Perioden mussten zusätzlich Kreditbeschränkungsmassnahmen des Bundes beachtet werden, um eine Überhitzung der Konjunktur zu vermeiden. Diese negativen Kreditentscheide belasteten die gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden während vieler Jahre, wendeten sich aber meist wieder zum Guten. Denn über die Jahre gesehen ermöglichte die Bank als wichtige Kreditgeberin den Aufbau einer passenden Infrastruktur in den Zürcher Gemeinden.

Wasserreservoir in Zürich-Fluntern mit Baujahr 1897.

Titelbild: Lokomotive mit Baujahr 1875, die für die Tösstalbahn im Einsatz stand.

Inhalt teilen

Für eine optimale Ansicht drehen Sie bitte Ihr Smartphone.