Ein offenes Ohr für Kunden in der Krise

Die Zürcher Wirtschaft war immer wieder von regionalen, nationalen oder internationalen Krisen betroffen. Bei der Zürcher Kantonalbank stellte man sich in diesen krisenhaften Zeiten die Frage, wie weit man den Betroffenen entgegenkommen könnte – ohne selbst zu grossen Schaden zu erleiden.

Gemäss den Geschäftsberichten der Zürcher Kantonalbank sanken in den 1880er Jahren mehrmals wegen Ernteausfällen die Preise für bäuerliche Liegenschaften. In der Folge häuften sich Konkurse und Zwangsverkäufe auf dem Land. Die Kantonalbank gab 1888 bekannt, aufgrund der schwierigen Lage in der Landwirtschaft die Bauern vor «einem Zinsaufschlag wegen unpünktlicher Entrichtung des Zinses zu verschonen», um «das Uebel» nicht zu vergrössern. Um 1900 erlebten die Menschen in der Stadt Zürich eine Immobilienkrise als Folge grosser Liegenschaftsspekulationen und Kreditkündigungen. Die Bank bemühte sich, die Situation der Schuldner zu verbessern. So berief sie eine Versammlung des Gewerbevereins und von Vertretern weiterer Banken ein. Damit konnte sie erreichen, dass die Banken keine Kredite kündigten, solange die Schuldner die Zinsen bezahlten. Ebenfalls angestrebt wurde eine Erleichterung für die Schuldner durch eine Zinsreduktion. Wieweit dies gelang, ist unklar. Bei der Zürcher Kantonalbank jedenfalls galt: «Trotzdem wir durch die Herabsetzung des Zinsfusses für städtische Schuldbriefe um ¼ % einen Zinsausfall von 200’000 Franken erleiden, den wir erst in den nächsten Jahren […] wieder einbringen können, sahen wir uns doch veranlasst, auch diesen Schuldnern entgegenzukommen.»

Grösstmögliches Entgegenkommen

1930 betrachteten es Bankkommission und Direktion «wegen der schwierigen Verhältnisse im Erwerbsleben» als wichtige Aufgabe der Kantonalbank, «in der Zinserleichterung für die Schuldner an die obere Grenze des Möglichen zu gehen». Für ein solches Entgegenkommen mussten Vorkehrungen getroffen werden. So schuf die Bank schon Ende der 1920er Jahre ein Zinsausgleichskonto. Auf diesem stellte sie 1930 vorsorglich 500’000 Franken zurück «zur Deckung von Verlusten, die uns im Hypothekar- und Kreditgeschäft bei einer Fortdauer der kritischen Zeitverhältnisse allenfalls entstehen könnten».

Dieses Entgegenkommen gegenüber Schuldnern musste insgesamt aber gut überlegt sein. 1976 vermerkte das Bankratsprotokoll: «Die Kreditleute der Bank müssen entscheiden, ob sie schlechtem Geld noch gutes nachwerfen dürfen.» Es ging oft um Sein oder Nichtsein, «um die Wahl zwischen dem Risiko des Helfens und dem Todesurteil mit all seinen Konsequenzen». Gemäss Geschäftsbericht war es 1993 nicht anders: «Rezessionsbedingt sind 1993 vermehrt auch kleine und mittlere Unternehmungen (KMU) – für die ZKB ein Kundensegment von zentraler Bedeutung – finanziell in Bedrängnis geraten […] Solange die Zukunftsaussichten indes intakt sind, hält die ZKB das Kreditengagement durch, auch wenn dabei ein erheblicher Betreuungsaufwand und vorübergehend erhöhte Risiken in Kauf genommen werden müssen.» Organisatorisch baute die Zürcher Kantonalbank ab 1991 ein professionelles Recovery Management auf, das bis heute zentral die risikobehafteten und wertberichtigten Privat- und Firmenkundenpositionen betreut. In Krisenzeiten sah sich die Bank also besonders in der Verantwortung und handelte nach der Devise: grösstmögliche Sicherheit für die der Bank anvertrauten Gelder, grösstmögliches Entgegenkommen gegenüber ihren Schuldnern. Damit entspricht sie der «auf Kontinuität ausgerichteten Geschäftspolitik», wie sie Paragraph 2 des Kantonalbankgesetzes verlangt.

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Titelbild: Arbeitslose in einer Warteschlange im Arbeitsamt der Stadt Zürich, 1931.

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