Filialleiter, bitte heiraten!

Regelmässig besuchten die Bankräte die Filialen auf dem Land. Und dabei überprüften sie nicht nur die Bücher. Ihre Berichte erzählen auch von älter werdenden Verwaltern, eingeschränkter Ellenbogenfreiheit und vernachlässigter Gartenarbeit. Und sogar eine Empfehlung zum Heiraten war dabei.

Vor dem Ersten Weltkrieg war es üblich, dass ein sogenannter Verwalter die Filiale auf dem Land allein führte. Diese Filialleiter erhielten regelmässig Besuch von einer Bankratsdelegation, die die Bücher prüfte, die Wertschrifteninventare abglich und ihre allgemeinen Eindrücke im «Visitationsbericht» an den Bankrat schilderte. Solche Berichte erzählen meist relativ blumig von kleineren und grösseren Nöten in den sehr autonom agierenden Aussenposten der Bank. In einem Visitationsbericht von 1912 hielt der zuständige Bankrat fest, dass die Verwalter in der Regel überlastet seien und ihnen noch ein besoldeter Angestellter zugestanden werden sollte. Auch diese Leute würden älter, und eine personelle Verstärkung brächte grosse Vorteile. Im Fall von Krankheit oder Ferienabwesenheit des Verwalters müssten so von der Hauptbank keine Stellvertretungen mehr gestellt werden. Überhaupt erhalte die Filiale etwas mehr Ellenbogenfreiheit und habe vielleicht sogar Zeit, vermehrt säumigen Schuldnern nachzugehen oder belehnte Objekte selbst einmal zu besichtigen.

Filiale mit Garten in Affoltern am Albis um 1910. Ein so schön gepflegter Garten wäre wohl auch für die Filiale Dielsdorf erwünscht gewesen.

Filiale mit Garten in Affoltern am Albis um 1910. Ein so schön gepflegter Garten wäre wohl auch für die Filiale Dielsdorf erwünscht gewesen.

Ehefrau statt Haushälterin


Viel konkretere Probleme ortete das rapportierende Mitglied des Bankrats bei der Filiale Dielsdorf: «Der Verwalter in Dielsdorf konnte dieses Jahr sein 15jähriges Amtsjubiläum feiern; besser wäre es allerdings, wenn der Verwalter Hunziker bald heiraten würde; denn die jetzige Haushälterin ist alt und kann dem grossen Garten nicht mehr Sorge tragen. Es ist jammerschade, dass der grosse, verwahrloste Garten nicht besser gepflegt wird.» Ob Verwalter Hunziker doch noch in den Hafen der Ehe eingelaufen ist und sich die Ausgestaltung des Gartens in der Folge zur vollen Zufriedenheit des gestrengen Bankrats entwickelt hat, ist leider nicht überliefert. Wie auch immer: Hunziker blieb bis 1933 auf seinem Posten – ganze 35 Jahre.

Heute obliegt der Unterhalt der Liegenschaften dem zentralen technischen Gebäudemanagement. Aus rein gartenpflegerischer Hinsicht kann deshalb von einer Heirat abgesehen werden.

Die Bankräte notierten ihre Beobachtungen bei Besuchen der Filialen und Agenturen ins Visitationsprotokoll.

Titelbild: Garten der Filiale Affoltern am Albis.

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