Flucht nach vorn – Auswanderung oder Wirtschaftsförderung

Ein Anstieg der Bevölkerung und Hungerjahre führten auch im Kanton Zürich zur Auswanderung. Die «Erdünnerung» der Landschaft wollte Johann Jakob Keller durch Wirtschaftsförderung verhindern.

Im September 1847 schrieb Johann Jakob Keller, der später massgeblich an der Gründung der Kantonalbank beteiligt sein würde, einen Brief an Alfred Escher, den damaligen Staatsschreiber des Kantons Zürich. Er bat darin «meine hohe Regierung und das hochlöbliche Centralhülfscomité» um einen günstigen Kredit für seine Auslagen bei der Einführung der «feinen Broderie» im Oberland. Keller beschrieb seine Motivation zu einer solchen Gründung folgendermassen: «Die unsere Gegend hart betroffene Theurung ist vorüber. (…) Allein ein Grundübel bleibt dennoch zurück (...). Das ist unser ökonomischer Krebsgang.»

Der Brief von Johann Jakob Keller ist im handschriftlichen Original erhalten. Er kann im Archiv der Alfred-Escher-Stiftung angeschaut werden.

Der Brief von Johann Jakob Keller ist im handschriftlichen Original erhalten. Er kann im Archiv der Alfred-Escher-Stiftung angeschaut werden.

Missernten führen zu Hungersnöten

Ursache der schwierigen Lage der Zürcher Landschaft waren Missernten bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum. Johann Jakob Keller sah nur zwei Mittel für eine Entlastung: die «Erdünnerung» der Bevölkerung durch Auswanderung oder die Vermehrung des Verdiensts der Landbevölkerung durch die Einführung neuer Industriezweige.

Tatsächlich wanderten zwischen 1851 und 1860 rund 50’000 Menschen aus der Schweiz nach Übersee aus. Johann Jakob Keller selbst setzte jedoch auf Wirtschaftsförderung. Er hatte im August 1847 eine Stickerei-Anstalt nach appenzellischem Vorbild in Betrieb genommen. Ziel war es, Frauen im Handwerk der «feinen Broderie» auszubilden, sodass sie später mit dem Erlernten ihren Lebensunterhalt selbst verdienen konnten. Keller wollte die produzierte Ware anschliessend gewinnbringend im In- und Ausland verkaufen. Kleinere Bestellungen von einem Italiener hatte er schon erhalten.

Johann Jakob Keller (1823–1903), Unternehmer, Gemeindepräsident und späterer Bankrat der Zürcher Kantonalbank.

Der Einsatz trägt Früchte

Die Keller'sche Anstalt wurde zum Erfolg: Bereits im September 1847 stickten 74 Frauen im Saal. Und weitere waren nach ihrer zweiwöchigen Lehrzeit bereits ausgebildet «nach Hause entlassen» worden. Die Qualität der Arbeit begeisterte Keller so sehr, dass er einigen Frauen schon während der Ausbildung Lohn zahlte. So erhöhten sich seine Auslagen, die sowohl Raummiete, Heizung, Kostgeld und Stickrahmen beinhalteten, noch weiter. Und seine eigenen Mittel reichten nicht mehr aus, um die Kosten für alle Ausbildungswilligen zu tragen.

Johann Jakob Keller sah, wie die Stickereien in den Kantonen Appenzell und St. Gallen vielen Frauen ein Auskommen brachten, und übertrug dieses Wirtschaftsmodell auf das Zürcher Oberland.

Johann Jakob Keller sah, wie die Stickereien in den Kantonen Appenzell und St. Gallen vielen Frauen ein Auskommen brachten, und übertrug dieses Wirtschaftsmodell auf das Zürcher Oberland.

Wirtschaftsförderung auf private Initiative

In seinem Brief vom September 1847 appellierte Keller an die Regierung und das Centralhülfscomité, ihm nicht nur einen günstigen Kredit zu geben, sondern sich auch an den Ausbildungskosten in Form eines «Opfers» zu beteiligen. Das «Opfer» würde sich lohnen, denn zwei Drittel der Schülerinnen kämen aus der Schicht der Bedürftigen, und eine Investition in deren finanzielle Selbstständigkeit käme der Allgemeinheit sicher in Zukunft zugute. Wie der Brief zeigt, wusste Keller selbst, wie schwierig es war, Geld zu günstigen Konditionen auf dem freien Markt zu bekommen. Vielleicht war dies mit ein Grund, wieso er sich später mit Petitionen und Reden für die Gründung einer Kantonalbank einsetzte.


Bereits im 19. Jahrhundert wurden Firmen systematisch erfasst. Johann Jakob Kellers Broderie-Anstalt 1862 im Verzeichnis der Handelshäuser und Fabriken des Kantons Zürich.

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