Geht der Bank das Bargeld aus?

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 stürmten die Menschen die Bankschalter. Die Nationalbank limitierte daraufhin die einzelnen Auszahlungsbeträge. Und die Folge davon? Panik!

Am 28. Juni 1914 fielen in Sarajevo die Schüsse auf das österreichische Thronfolgerpaar. Als ein Monat danach der Erste Weltkrieg ausgelöst wurde, brachen in der Schweiz die Börsenkurse ein und der Zahlungsverkehr funktionierte nicht mehr wie gewohnt.

Wie brenzlig war die Situation?

Die Zürcher Kantonalbank bemühte sich anfänglich, die Bankauszahlungen wie bisher durchzuführen: Man glaubte «mit den Auszahlungen large sein zu sollen, in der Ansicht, dass, wenn Geld zirkuliere, die Leute am ehesten ruhig bleiben und Zahlungsstockungen vermieden werden können», wie das Bankratsprotokoll vermeldete. Der massenhafte Andrang machte jedoch schon ab dem 29. Juli Einschränkungen bei Rückzügen unvermeidlich. Barbezüge aus Sparheften wurden auf 500 Franken pro Heft und Monat beschränkt, und am 31. Juli wurde die Limite bereits auf 300 Franken gesenkt. Da man Tumulte erwartete, bot die Bank sogar vorsorglich die Polizei auf, doch sie konnte die Kunden beruhigen, wie es in den Quellen ohne nähere Details heisst.

Sturm auf die Kantonalbank!

Am 30. Juli kam es zu einem Run auf die Schalter der Zürcher Kantonalbank. Wer konnte, hob Bargeld ab, um Vorräte anzuschaffen oder sich in den Besitz von sicheren Zahlungsmitteln zu bringen. Kurt Guggenheim erzählt dazu in seinem historischen Roman «Alles in Allem» eine kleine Episode: «Als es Abt endlich gelungen war, sich durch die Leute hindurch bis an das grosse Tor des Gebäudes der Kantonalbank durchzudrängen, wurde ihm von dem dort stehenden Stadtpolizisten erklärt, der Schalterraum sei so angefüllt, dass man sich gezwungen sehe, die Türe jeweils so lange zu schliessen, bis ein Teil der Kunden abgefertigt sei. Der Herr möge sich gedulden.» Ingenieur Abt sollte jedoch zu einer Besprechung in die Direktion gehen und machte dies dem Polizisten klar, worauf der Weibel (Portier) die schwere Türe einen Fuss breit öffnete. «Sofort wurde unter der Menge auch schon wieder aufgeregt gemault, da sehe man es wieder, es gäbe immer solche, die mehr Recht hätten als andere.»

Ganze 50 Franken Bargeld pro Monat!

Ab dem 3. August 1914 mussten schliesslich alle die Vorschrift der Nationalbank befolgen: Rückzahlungen an Privatpersonen wurden auf monatlich 50 Franken aus Sparbüchern beschränkt. Gleiches Recht für alle! Doch dies war nicht immer durchführbar, heisst es im Bankratsprotokoll vom 14. August 1914: «z. B. für Zahlungen der Milchhändler an Bauern, für Mehlkäufe der Bäcker, für Lohnzahlungen und Baukredite etc. Viele kleine Kassen im Kanton herum verlassen sich auf uns, ihnen haben wir mit Vorschüssen von 10[000] bis 20’000 Franken und selbst mehr ausgeholfen.» Die Bank verfügte doch noch über genügend Bargeld, um die dringenden Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Titelbild: Die Schalter der Zürcher Kantonalbank werden gestürmt, 1914.

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