Gnade vor Recht

In den 1950er Jahren war es üblich, dass die Direktoren den Bankrat auch über kleine Abschreiber informierten, die der Kantonalbank durch ein Fehlverhalten oder durch Zahlungsunfähigkeit der Schuldner entstanden waren. Diese Berichte ermöglichen einen spannenden Einblick in den Bankalltag. Denn trotz geringer Beträge geht es oftmals um grössere private Dramen und die Frage: Wie viel Schuld trifft eigentlich den Schuldner?

Wenn Schuldner ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten, griff die Bank nach den hinterlegten Sicherheiten. War auf diesem Weg die geschuldete Summe nicht einzutreiben, blieb nur noch die Betreibung des säumigen Kreditnehmers. Theoretisch. Denn die Bank trug den persönlichen Verhältnissen ihrer Kunden Rechnung und war durchaus bereit, eine Forderung aus sozialen Gründen auch einmal abzuschreiben.

Ehrenwerter Handwerker, schlechter Geschäftsmann

Exemplarisch ist der Fall eines mehrfachen Familienvaters, der ein Handwerkergeschäft betrieb und von der Bank einen sogenannten Zessionskredit erhalten hatte. Dieser war im Prinzip durch Abtretung von offenen Forderungen des Handwerkers gegenüber seinen Kunden gesichert. Der Mann sei, so wird dem Bankrat berichtet, «ein guter Arbeiter, aber ein schlechter Geschäftsmann». Folge davon: Er konnte den fälligen Kredit nicht zurückzahlen. Weil zudem einige seiner Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlten, konnte sich die Bank auch nicht an den abgetretenen Forderungen schadlos halten. Auf dem Konto des Handwerkers war schliesslich eine Schuld von über 4000 Franken aufgelaufen. Man hätte den Handwerker deshalb betreiben und auspfänden können. «Es kann aber nicht Sache der Kantonalbank sein, diesen ohnehin geplagten Familienvater auch noch um den ehrlichen Namen zu bringen. Wir haben die Forderung deshalb abgebucht.»

Auch heute wird bei der Kreditvergabe trotz standardisierten und reglementierten Abläufen der Ermessensspielraum im Tagesgeschäft der Zürcher Kantonalbank genutzt. So ermöglichte es die Zürcher Kantonalbank zum Beispiel kürzlich einem knapp 70-jährigen Mann mit knappen finanziellen Mitteln, die Liegenschaft und Hypothek seiner Eltern zu übernehmen. Eine massgebliche Rolle spielte dabei die über 30-jährige Kundenbeziehung mit den verstorbenen Eltern.

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Titelbild: Handwerker mit zwei kleinen Kindern bei der Arbeit, um 1950 (Symbolbild).

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