Kommt nicht mehr in die Tüte!

Adieu Lohntüte, hallo Salärkonto. Während der Lohn früher in Form von Bargeld in braunen Lohntüten übergeben wurde, wird er heute direkt auf das entsprechende Konto des Arbeitnehmers überwiesen. Diese Umstellung stiess bei den Banken auf geringe Begeisterung. Heute gilt sie allerdings als Geburtsstunde des Retail Banking.

Bis in die 1960er Jahre war es selbstverständlich, dass die Lohnauszahlung in bar erfolgte. Die Arbeitnehmenden erhielten die Banknoten und Münzen am Ende einer Woche oder eines Monats im sogenannten «Zahltagssäckli» überreicht. Damit bezahlte man seine Einkäufe oder beglich auf der Poststelle seine Rechnungen. Blieb noch Geld übrig, wanderte es meist in den Sparstrumpf zu Hause. War eine Person stärker auf Sicherheit und Zinseinnahmen bedacht, zahlte sie einen Teil des Geldes auf ihr Sparkonto ein.

Doch es bahnte sich langsam eine Umwälzung an, wie im Bankrat 1969 berichtet wurde: «Immer mehr Arbeitgeber gehen zur sogenannten bargeldlosen Gehaltszahlung über. Den Arbeitnehmern wird nahegelegt, sich ein Bank- oder Postcheck-Konto eröffnen zu lassen, damit der volle Lohn oder Teile davon auf das Konto überwiesen werden kann. Die Vorteile für Industrie- und Handelsbetriebe sind offensichtlich: Wegfall der Gefahren des Geldtransportes, Wegfall des Nachzählens und Abfüllens der Zahltagstüten, Wegfall der Verteilung der Löhne im Betrieb. Mit anderen Worten, es findet eine Verlagerung der mit der Gehaltsauszahlung verbundenen Arbeit vom Arbeitgeber zur Bank oder Post statt.»

Die Begeisterung für das neue Geschäftsfeld hielt sich bei der Zürcher Kantonalbank vorerst in engen Grenzen. Aber andere Banken warben sogar mit ganzseitigen Inseraten um diese Kunden. «Wenn wir nicht das Risiko laufen wollen, den Anschluss zu verpassen bzw. einen Teil unserer Kundschaft zu andern Banken abwandern zu sehen, müssen wir den Lohnempfängern eine konkurrenzfähige Kontoart offerieren.» Die Zürcher Kantonalbank beschloss deshalb, das Salärkonto zu schaffen – inklusive attraktivem Zins.

Beifang wichtiger als Basisprodukt

Der Erfolg war gross. Bis im Jahr 1978 waren bereits 85’633 Salärkonti eröffnet worden. Da es sich im Prinzip um das Zahlungsverkehrskonto des einzelnen Kunden handelte, war der Betrag schwankend; als «Bodensatz» wies die Generaldirektion in einem Bericht insgesamt 456 Millionen Franken aus. Doch lukrativ sei dieser Geschäftszweig bei weitem nicht. Immerhin stellte man befriedigt fest, dass sich aus diesen Kundenbeziehungen doch «interessante Anschlussgeschäfte» in anderen Bereichen ergeben würden. Ein Beispiel lieferte die Personalzeitschrift im September 1974. Die Kantonalbanken hatten den Wertschriften-Fonds Valca ins Leben gerufen, doch die Zürcher Kantonalbank hinkte den Kollegen aus den anderen Kantonen bezüglich Fondszeichnungen hinterher. Da kam man auf die Idee, ausgewählten Salärkonto-Inhabern mit den Kontoauszügen im Dezember einen Prospekt zu verschicken, der für den Valca-Fonds Werbung machte und zu einem individuellen Beratungsgespräch einlud. Und tatsächlich: «(…) bald standen wir mit 450 Anlageplänen an der Spitze aller Kantonalbanken!»

Minus erlaubt

Grössere Sorgen bereitete den Verantwortlichen der Bank die neugeschaffene Möglichkeit, in gewissen Fällen das Salärkonto zu überziehen. Die Kompetenz dazu lag in den Händen der Filialleiter, die von Fall zu Fall entscheiden konnten. «Im weiteren kommt es manchmal vor, dass ein Kunde den Zahltag beziehen möchte, bevor die Überweisung eingetroffen ist, und der Kassier dann vor dem Dilemma steht, entweder aus Kulanz und in einer Stresssituation dem ihm bekannten Mann entgegenzukommen oder zeitraubende Nachforschungen anzustellen.» Aus Gründen des Bankgeheimnisses war aber eine direkte Nachfrage beim Arbeitgeber ausgeschlossen. So kam es vor, dass beispielsweise ein Vorbezug in der Höhe des regelmässig eingegangenen Lohnes gewährt wurde, danach jedoch die Lohnzahlungen ausblieben, weil die Person nicht mehr zur Arbeit erschien; und die Bank musste einen Verlust abschreiben, weil der Zahlungsbefehl wegen unbekannten Aufenthalts nicht zugestellt werden konnte. Der Direktor beschwichtigte 1977 allerdings bei einer Aussprache mit dem Bankrat, dass Schäden aus der Schuldposition auf Salärkonten «verhältnismässig selten» seien.

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Prospekt für Salärkonto, Vorder- und Rückseite, 1974.

Steile Karriere eines Verschmähten

Das Salärkonto – heute meist als Privatkonto bezeichnet – entwickelte sich im Verlauf der Jahrzehnte zum Basisprodukt für fast alle Dienstleistungen einer Bank: vom Bargeldbezug am Bancomaten über bargeldlose Zahlungen mit Kredit- oder Debitkarten und später via Onlinebanking bis hin zur digitalen Ausgabenanalyse und Budgetierung im Finanzassistenten. Eine steile Karriere für ein Konto, das nicht auf Initiative der Finanzinstitute ins Leben gerufen worden war und von diesen anfänglich mit viel Skepsis betrachtet wurde. Zu sehr fürchteten sie die «enorme Mehrarbeit im Bereich der Kundenbetreuung und Belegverwaltung», wie die Historikerin Barbara Bonhage in einem Artikel zur Entwicklung des schweizerischen Zahlungsverkehrs schrieb. Im Nachhinein betrachtet war es jedoch für die Finanzinstitute der Startschuss für umfassende Retail-Banking-Aktivitäten für Kunden mit kleinen und mittleren Einkommen.

Titelbild: Das «Zahltagssäckli» (Lohntüte), in dem der Arbeitnehmer früher seinen Lohn in bar erhielt.

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