Konkurrenzkampf in den Dörfern

Der Unterhalt eines feinen Zweigstellennetzes war für die Zürcher Kantonalbank relativ teuer und aufwändig. Die Weiterentwicklung des Netzes war aber für einen optimalen Kundenkontakt unabdingbar. Und es galt auch mit einer geschickten Zweigstellenpolitik, gewisse Konkurrenten in die Schranken zu weisen.

Eine Bank, die im Volke verankert sei, ruhe in Abrahams Schoss. Mit diesen pathetischen Worten schwor Direktor Jakob Fischbacher 1946 die Bankräte auf einen wohl härter werdenden Konkurrenzkampf in den Dörfern und Städten des Kantons Zürich ein. Aktueller Anlass für seine Ausführungen war die Region Embracher-Tal, in der die Zürcher Kantonalbank lediglich mit einer bescheidenen Einnehmerei vertreten war. Ihm sei zu Ohren gekommen, dass es ernsthafte Bestrebungen gebe, auch in Embrach eine Raiffeisenkasse zu gründen. Bisher waren Raiffeisenkassen im Kanton mit rund einem halben Dutzend Standorten noch relativ selten, doch Fischbacher fürchtete sich offensichtlich vor dem grossen Potential dieser Selbsthilfe-Genossenschaften in den ländlichen Gebieten. Was war zu tun?

Kassabücher der Geschäftsstelle (Agentur) Embrach, 1946–1951.

Gratwanderung zwischen Kunden, Kosten und Konkurrenz


In den 1940er Jahren betrieb die Zürcher Kantonalbank rund 120 Zweigniederlassungen – und damit einen Drittel aller Bankstellen im Kanton. Bankpräsident Ernst Haegi sprach in einer ausführlichen Stellungnahme im Bankrat im Juli 1943 von einer Übersättigung. Das Publikum habe schon jetzt eine reichliche und freie Auswahl. Wie sollte sich die Kantonalbank in diesem dynamischen Markt verhalten? Wie stark sollte sie Gegensteuer geben, wenn Konkurrenten auftauchten? Sollten auch bestehende Platzhirsche herausgefordert werden? Salomonisch meinte er dazu: «Es ist nicht die Art unserer Bank sich aufzudrängen oder in gleicher Richtung tätige Banken zu verdrängen. Zeitweise hat man aber auf lokale Kassen allzu grosse Rücksicht genommen. Eine staatliche Bank hat das Recht, wenn nicht gar die Pflicht, überall da einzudringen und im Rahmen ihrer Aufgaben tätig zu sein, wo es die Verhältnisse begründen oder gebieten. Die Tatsache auch, dass unsere Bank in allen Ortschaften, auch wo keine Niederlassung besteht, eine mehr oder weniger grosse Zahl von Sparheftinhabern, Obligationenkunden und Hypothekarschuldnern zählt, gibt ihr das Heimatrecht.» Es sei eine gute Taktik, dem Ruf nach einer Postsparkasse oder Raiffeisenkasse zuvorzukommen. Der Ausbau des Zweigstellennetzes erschwere und verteuere zwar den Betrieb, es erleichtere aber «die Fühlungnahme mit der grossen Kundsame».

Für Embrach war der Fall eindeutig: Zur Abwehr der Konkurrenz sollte umgehend eine Geschäftsstelle mit grösserer Schlagkraft eingerichtet werden. Das Bedürfnis nach einer weiteren Bankstelle im Dorf wurde damit im Keim erstickt. Denn eines war für Direktor Fischbacher klar: «Jede Raiffeisenkasse, die im Kanton Zürich ins Leben gerufen wird, ist nach meinem Empfinden ein neuer Pfahl im Fleische der Kantonalbank.»

Titelbild: Embracher-Tal, 1951.

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