Lenin und das gelüftete Bankkundengeheimnis

Dass der russische Revolutionär Lenin für seinen dreijährigen Aufenthalt in der Schweiz ein Bankkonto bei der Zürcher Kantonalbank eröffnete, ist mehr als vernünftig. Es fragt sich nur, warum die Öffentlichkeit trotz Bankkundengeheimnis davon erfahren hat.

Lenin, mit bürgerlichem Namen Wladimir Iljitsch Uljanow, reiste im April 1917 von Zürich in Richtung Russland ab. Zuvor hatte er bei der Zürcher Kantonalbank sein Guthaben abgehoben, jedoch noch 5.05 Franken stehen lassen und das Sparbüchlein Raissa Charitonowa über geben, der Frau des lokalen Bolschewiken-Parteisekretärs. Sie sollte mit diesem Restbetrag Lenins Parteimitgliedsbeitrag begleichen. Das Geld wurde jedoch nie abgehoben.

Warum gelangte dies an die Öffentlichkeit, obwohl Informationen zu Kundenbeziehungen – ausser in Strafsachen – niemals an Dritte gehen dürfen? Die Ursache hatte nichts mit der Russischen Revolution zu tun, sondern vielmehr mit der Kontroverse in den 1990er Jahren um nachrichtenlose Vermögen im Zweiten Weltkrieg. In diesem Zusammenhang wurde auch die Zürcher Kantonalbank verpflichtet, die Namen sämtlicher Inhaber solcher nachrichtenloser Konten zu melden. Darunter fiel das seit Jahrzehnten schlummernde Guthaben von Lenin. Es war bis 1939 verzinst worden, bevor der Betrag von mittlerweile 12.90 Franken auf ein Sammelkonto gebucht wurde. Der individuelle Anspruch darauf blieb jedoch bestehen. So gelangte Lenins bürgerlicher Name letztlich auf eine Liste, die von der Bankiervereinigung im Oktober 1997 veröffentlicht wurde. Mit der Publikation der Namen dieser längst verstorbenen Kontoinhaber erhielten die Erben die Chance, Ansprüche auf die Vermögenswerte anzumelden, von denen sie bisher nichts gewusst hatten.


Sparheft von «Rechtsanwalt & Journalist Wladimar Ulianow», genannt Lenin. Es wurde nach seinem Tod im Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der KPdSU in Moskau aufbewahrt.

Vom einfachen Sparheft zur Archiv-Trouvaille

Tatsächlich entdeckte eine Nichte Lenins den Namen ihres Onkels auf der Liste und meldete via eine Moskauer Boulevardzeitung ihren Anspruch auf den Restbetrag an. Die Neue Zürcher Zeitung schnappte die Geschichte auf und befragte ihrerseits den russischen Schriftsteller Michail Schischkin, der in der Schweiz lebt, was es mit Lenins Konto auf sich habe. Raissa Charitonowa habe den Restbetrag nicht ausgelöst, sondern das Sparbüchlein nach Moskau mitgenommen. Schliesslich sei der Anleger in ihren Augen ein «grosser Mann» gewesen. Später gelangte das historisch wertvolle Sparheft gemäss Schischkin als Erinnerungsstück ins Archiv des Instituts für Marxismus-Leninismus in Moskau.

Ob die Nichte überhaupt legitimiert war und ob sie den kleinen Betrag am Ende erhalten hat, darf die Bank selbstverständlich nicht kommunizieren. Eines kann man aber mit ziemlich grosser Sicherheit sagen: Lenin schuldet dem Zürcher Ableger der Kommunistischen Partei nach wie vor seinen Mitgliedsbeitrag für das Jahr 1917.

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