Lohnerhöhungen und die Frage der Moral

Soll das Personal mehr Lohn erhalten, wenn das Geld offenbar für zweifelhafte Sonntagsvergnügen ausgegeben wird? Der Bankrat ist sich uneins.

Die Lebenshaltungskosten der Zürcher Bevölkerung stiegen vor dem Ersten Weltkrieg stark an. Dies veranlasste den Bankrat zu jährlichen Gehaltsaufbesserungen beim Personal. Aufgrund der politischen Zusammensetzung des Bankrats prallten in den Diskussionen über die angemessene Lohnhöhe unterschiedliche Ansichten aufeinander. Oft ging es dabei nicht nur ums Gehalt, sondern um Fragen der Moral.

Vergnügungssucht ist bedauerlich, aber verständlich

Ende 1911 sah beispielsweise der langjährige Bankpräsident und Major Edmund Graf, zuvor Turnlehrer, zwar die Notwendigkeit für eine weitere Erhöhung, insbesondere bei kleinen Löhnen. Er hielt aber die Klagen über die Teuerung für stark übertrieben: «Es müsse auffallen, dass trotz dieser [Klagen] so viele Feste gefeiert werden, wie jeden Sonntag alle Vergnügungslokale überfüllt seien und dass alle Schichten der Bevölkerung, auch die untern, dabei mitmachen. Wer genügsam sein wolle, werde heutzutage von Vielen als rückständig angesehen.» Bankrat Johannes Schurter, Rektor der Töchterschule und Sozialdemokrat, sah durchaus eine gewisse Dramatik in der Verteuerung des Lebens. Bei der Pfandleihkasse sei – im Vergleich zum Vorjahr – beispielsweise auffällig, welch grosse Mengen an Wäschestücken versetzt worden seien, um ein Darlehen zu erhalten. Und: «Der starke Zudrang zu den Vergnügungslokalen sei ja bedauerlich; allein, man möge sich einmal in den psychologischen Zustand z. B. eines Fabrikarbeiters hineindenken, der die ganze Woche in einem unfreundlichen und ungesunden Arbeitsraum zubringen müsse, und dann werde man es eher begreifen, wenn am Sonntag Reaktion eintritt. Dass das nicht die richtige Erholung ist, sei den Leuten schwer beizubringen und die Bemühungen vieler wackerer Arbeiterführer hiefür haben nur langsam Erfolg.»

Was entschied nun der Bankrat? Die Saläre wurden angehoben, insbesondere bei den kleinen Löhnen. Für die genaue Bemessung baute man zusätzlich eine Leistungskomponente ein. Wer sich also am Sonntag gerne ins Vergnügen stürzte, musste sich selbst fragen, ob dies seine Arbeitsleistung unter der Woche eher verbessern oder eher verschlechtern würde.


Festspiel des Lesezirkels Hottingen, 1900.

Schweizerisches Grütli-Centralfest in Winterthur, 1902.

Schweizerisches Grütli-Centralfest in Winterthur, 1902.

Titelbild: Sonntagsvergnügen im Restaurant Bauschänzli in Zürich, 1908.

Inhalt teilen

Für eine optimale Ansicht drehen Sie bitte Ihr Smartphone.