Notfall Schweinegrippe

Noch lagerten grosse Mengen an Tamiflu in den Notfallschränken. Es war als Heilmittel gegen die Vogelgrippe angeschafft, aber zum Glück nicht gebraucht worden. Doch schon 2009 verbreitete die nächste Grippe mit einem Tiernamen Angst und Schrecken. Die Notfallorganisation der Zürcher Kantonalbank war erneut gefordert.

Schweinegrippe! Am Freitag, 24. April 2009, verbreitete sich in Windeseile die Nachricht, dass in Mexiko 60 Personen an einer vom Schwein auf den Menschen übertragenen Grippeinfektion gestorben seien. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erachtete die Lage als gravierend, da es sich um ein H1N1-Virus handelte, das am Ende des Ersten Weltkriegs weltweit mehrere Millionen Tote gefordert hatte. Als am Montag ein Mitarbeiter der Zürcher Kantonalbank nach einer Hochzeitsreise aus Mexiko zurückkehrte und sich über grippeähnliche Symptome beklagte, stieg auch bei der Bank die Nervosität. Er wurde sofort zum Arzt geschickt und sollte zwei Tage dem Büro fernbleiben. Nachdem die WHO die Gefahrenstufe am Dienstag nochmals heraufgesetzt hatte, liefen am nächsten Tag in der Schweiz die Pandemie-Abwehraktivitäten an. Auch bei der Zürcher Kantonalbank nahm die Notfallorganisation ihre Tätigkeit auf. Sie erliess einen Reisestopp für Geschäftsreisen nach Mexiko und klärte die Mitarbeitenden über persönliche Hygiene-Massnahmen auf. Am Donnerstag, dem 30. April, wurde der erste Schweinegrippefall in der Schweiz bestätigt. Es handelte sich um einen Mexikoheimkehrer. Vorerst sah die «ZKB Notfallorganisation» von weiteren Massnahmen ab, sie aktualisierte aber über das Wochenende die Pandemieplanung, die bereits drei Jahre zuvor beim Ausbruch der Vogelgrippe erstmalig erarbeitet worden war.

Ferien ade

Vier Tage später erfolgte der Paukenschlag: Wie einige andere Unternehmen untersagte die Bank ihren Mitarbeitenden sämtliche Reisen nach Mexiko – auch jene privater Natur. Für Rückkehrer aus Mexiko galt ab sofort eine siebentägige Quarantäne; sie durften die Gebäude der Bank keinesfalls betreten. Sie hatten zweimal täglich die Temperatur zu messen und die Ergebnisse zu protokollieren. Zudem mussten sie sich jeden Tag beim Vorgesetzten melden. Für den persönlichen Schutz der Mitarbeitenden wurden aus dem dezentral eingelagerten Schutzmaterial 50 Gesichtsmasken pro Person verteilt und eine interne Hotline vorbereitet. Aus dieser Zeit stammen auch die Desinfektionsmittel-Spender an den Personaleingängen. Tags darauf wurden die Reisevorschriften weiter verschärft und auf Teile der USA ausgeweitet. Für einige Mitarbeitende und ihre Ferienpläne hatte diese Massnahme einschneidende Konsequenzen – entsprechend missmutig waren teilweise die Reaktionen beim Personal. Einen Tag später hob die Bank aufgrund einer aktualisierten Reiseempfehlung des Bundesamts für Gesundheit den Reisestopp für die USA bereits wieder auf.

Langsam dämmerte es den Gesundheitsexperten auf der ganzen Welt, dass die Schweinegrippe einer «normalen» Grippe ähnlich war und, ausser für die üblichen Risikogruppen, keine grössere Gefahr darstellte. Nachdem am 8. Mai der Tages-Anzeiger die Geschichte mit der Quarantäne bei der Zürcher Kantonalbank noch dick als Schlagzeile gebracht hatte, war auch dieser Spuk am 13. Mai bereits vorbei. Die Bank hob die Reiserestriktionen für Mexiko auf. Am 11. Juni jedoch erhöhte die WHO die Warnstufe von 5 auf 6 und erklärte die Schweinegrippe zur Pandemie. Doch da sie dies aufgrund der rasanten Verbreitung und nicht aufgrund einer erhöhten Todesgefahr bei einer Ansteckung tat, blieb die bankeigene Notfallorganisation zwar weiterhin wachsam, verfügte aber keine weiteren Massnahmen. Ab Ende des Jahres gingen die Infektionszahlen deutlich zurück.

Die Schwerpunkte des Pandemieplans, 2009.

Nicht ganz einfach umzusetzende Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit, 2009.

Nach Vorgaben der FINMA müssen Banken über Notfalllösungen verfügen, die es ihnen auch unter aussergewöhnlichen Umständen ermöglichen, ihre Aktivitäten weiterzuführen. Für solche Krisen hat die Zürcher Kantonalbank eine Notfallorganisation aufgebaut, die sich mit unvorhergesehenen Ereignissen und Störungen befasst, die für die Bank schwerwiegend oder existenzbedrohend sind. Dazu gehören Ausfälle wichtiger Gebäude mit Arbeitsplätzen, Seuchen, Systemausfälle der IT-Infrastruktur sowie Cyber-Angriffe. Die Notfallorganisation übt regelmässig, um im Ereignisfall optimal vorbereitet zu sein. In der Corona-Krise vom Frühling 2020 zeigte sich deutlich, wie wichtig es ist, für den Notfall gewappnet zu sein, um schnell reagieren und die nötigen Massnahmen treffen zu können.

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Banküberfall oder Grippeschutz?

Das relativ ungefährliche Schweinegrippe-Virus war aber nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Pünktlich zur Grippesaison tauchte es regelmässig wieder in der Schweiz auf. Als sich im Herbst 2018 eine neue Schweinegrippe-Welle ankündigte und sich viele Menschen Gedanken machten, ob sie zum Schutz vor Viren besser mit Gesichtsmasken auf die Strasse sollten, war auch der Blick zur Stelle. Er fragte in fetten Lettern: «Darf ich nun maskiert in die Bank?» Die Bankenvertreter bekräftigten, dass der persönliche Gesundheitsschutz vorgehe und niemand für einen Bankräuber gehalten werde, wenn er mit Gesichtsmaske die Schalterhalle betrete. Nur zur Identifizierung sei vielleicht ein kurzer Blick auf das ganze Gesicht notwendig, doch bei den meisten Bankgeschäften erübrige sich dies mit der Eingabe des persönlichen PIN-Codes.

Titelbild: Symbolbild Desinfektionsmittel-Spender an den Personaleingängen. 

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