Wer gibt den Bauern einen Kredit?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es vor allem Private, die Bauern Kredite gewährten. Als die Gläubiger aber mit der beginnenden Industrialisierung neue Anlagemöglichkeiten fanden, wurde das Geld für die Landwirtschaft knapp.

Private Geldgeber aus den Städten Zürich und Winterthur und die wohlhabendere ländliche Oberschicht finanzierten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kreditbedürfnisse der Landwirtschaft und des Gewerbes fast ausschliesslich alleine. Zwar erweiterte sich der Kreis der Geldgeber langsam um kleinere Spar- und Leihkassen mit gemeinnützigen Zielen, diese konnten jedoch die zahlreichen Kreditbedürfnisse der Bauernzunft nur punktuell befriedigen. Denn als sich für Private weitere Möglichkeiten für Investitionen eröffneten, sahen sich die Bauern vor ein Problem gestellt.

Private springen auf den «Anlegerzug» auf

Die Gründe für die Umschichtung: Die Gründung von Fabriken brachte ab 1830 finanziell attraktiver scheinende Anlagemöglichkeiten hervor. Ausserdem erlaubte 1852 ein Bundesgesetz Privatpersonen die Investition in Eisenbahnen, was ein Jahr später zur Gründung der Nordostbahngesellschaft durch Alfred Escher führte. Ebenfalls im Jahr 1853 erliess der Kanton Zürich das sogenannte «Aufkündigungsgesetz», was die Lage der Bauern zusätzlich erschwerte. Dieses erlaubte nämlich, dass die bisher unkündbaren Hypothekardarlehen (Gülten) sowohl vom Kreditgeber als auch vom Kreditnehmer aufgelöst werden konnten. Aufgrund der teilweise höheren Zinsen für Industrie- und Eisenbahnaktien zogen somit noch mehr private Gläubiger ihr Geld aus dem Agrarsektor zurück. Viele Bauern gerieten in der Folge in Zahlungsschwierigkeiten und fanden auch kein Geld mehr für neue Investitionen. 

Wachsende Kreditklemme für Landwirtschaft wird in Zeitungen diskutiert

Mit der ab 1863 eintretenden Kapitalknappheit im internationalen Geldmarkt stiegen die Zinssätze für Hypotheken auch in Zürich vorübergehend auf 5 Prozent. Die mangelnde Möglichkeit für Bauern und Gewerbe, Geld zu zahlbaren Zinsen aufzunehmen, wurde zum zentralen öffentlichen Thema. Das Volksblatt vom Bachtel zitiert 1864 einen Vortrag von Johann Jakob Keller, einem späteren Mitbegründer der Kantonalbank: «Jene täglich erscheinende Zeitungsannoncen, welche gegen Ausgabe 5procentiger Obligationen das bare Geld an sich locken, spielen dem Grundbesitzer einen fatalen Streich, es ist natürlich, dass der Kapitalist in Versuchung kommen muss, sein auf 4 Prozent ausgeliehenes Geld, zumal von säumigen und zweifelhaften Schuldnern einzuziehen und der zinsbeflissenen und soliden Bank zu 5% anzuleihen.»

«Dagege erwarted mer allerdings mit aller Zuversicht, dass ä Staatsbank mit Filiale sehr Vieles zur Beruhigung des iez vor jedem Kündungstermin ängstlich zitternde Grundbesitzers, für Hebung von Landwirthschaft, Gwerb und Handel bitrage und immerhin e wohlthätige Konkurrenz gege d‘Privatbanke bilde würd, die nu ihr eiges Intresse im Aug händ.»
Ausschnitt aus einer Rede von J. J. Keller, die am 22.12.1867 im Volksblatt vom Bachtel abgedruckt wurde.
Überblick über die Petitionen bis zur Gründung der Zürcher Kantonalbank 1870.

Überblick über die Petitionen bis zur Gründung der Zürcher Kantonalbank 1870.

Landschaft kämpft für Verfassungsrevision mit dem Wunsch einer Kantonalbank

Die Lage spitzte sich für die Bauern weiter zu: Mitte der 1860er Jahre versprach eine Investition in Aktien hohe Gewinne, sodass auch hier viele diese Möglichkeit ergriffen. Neben viel Gewinn war jedoch auch viel Risiko in diesen Geschäften verborgen. Nichtsdestotrotz führte die Möglichkeit der Aktieninvestition für Bauern und Gewerbe zu einer Verschlechterung auf dem Kapitalmarkt. Sie konnten laut zeitgenössischen Aussagen unmöglich mehr als vier Prozent Rendite erwirtschaften, weshalb sie oft neben den neuen und attraktiver erscheinenden Industrialisierungsprojekten keine Kredite bekamen. Die ländliche Bevölkerung schloss sich deshalb 1867 der öffentlich diskutierten Forderung nach einer Verfassungsrevision und der Gründung einer Kantonalbank mit fairen Konditionen für alle an.

«Dem Gläubiger und dem Schuldner grundversicherter Forderungen steht, bei terminlosen Forderungen von Anfang an, bei auf einen Termin nach vorausgegangener Kündigung zahlbar lautenden Forderungen auf diesen Termin und nach demselben das Recht auf Zahlung gegen vorausgehende gehörige Kündigung zu.»
Paragraph 1 des «Aufkündigungsgesetzes» von 1853.

Titelbild: Neubau des Hauptbahnhofs Zürich, 1867.

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