Wer kümmert sich ums «Vorschussgeschäft»?

Wer soll in einer Bank wofür zuständig sein? Vor allem bei einer Sache gab es vor hundert Jahren Unstimmigkeiten. Es betraf den Bereich «Vorschussgeschäft». Wie wurde die organisatorische Knacknuss gelöst, und was war damit überhaupt gemeint?

Der Name «Vorschussgeschäft» ist verwirrend. Bei diesem Geschäft geht es nicht um eine vorzeitige Auszahlung eines Geldbetrags, der einer Person zusteht, sondern um einen Kredit gegen bankübliche Sicherheiten, auch Lombardkredit genannt. Solche Kredite an Kunden, die dafür leicht realisierbare Sicherheiten leisten mussten, gehören bis heute zum klassischen Bankgeschäft. Es war ursprünglich bei der Hypothekarabteilung angesiedelt, die sich insbesondere mit Baufinanzierungen, Kreditvergaben für Grundeigentum und Darlehen an Gemeinden und Korporationen beschäftigte. Grund für diese organisatorische Zuordnung waren die bestellten Sicherheiten, die häufig Grund und Boden betrafen.

1928 teilte man das «Vorschussgeschäft» allerdings von der Hypothekar- zur Handelsabteilung um. Diese war für den Geldverkehr, Börsengeschäfte und die Beschaffung von Kapital zuständig. Der Bankrat war der Ansicht, dass die Direktion der Handelsabteilung stets unterrichtet sein müsse, was auf dem Gebiet des laufenden Kreditgeschäfts vor sich gehe, und dass die Deckung der Vorschussgeschäfte eher «kommerzieller Natur» sei, insbesondere durch die Hinterlegung von Wertschriften und die Abtretung von Forderungen. Doch die Verschiebung bewährte sich nicht. Die Abteilung hatte zwar mehr Erfahrung im Bereich der hinterlegten Wertschriften, doch war hier das Wissen über Grundpfandsicherheiten nicht sehr ausgeprägt.

Kleiner Fussmarsch für höhere Kreditsumme

Die Hauptproblematik bestand jedoch in der mangelnden Kommunikation. So kam es oft vor, dass die Hypothekarabteilung eine 1. Hypothek für eine Immobilie bewilligte, eine 2. Hypothek aufgrund genauer Kenntnisse über den Schuldner und die Immobile aus stichhaltigen Gründen jedoch verweigerte. Der gewiefte Schuldner ging dann von der Talstrasse auf gut Glück einmal ums Haus zur Vorschussabteilung an der Bahnhofstrasse und verlangte dort ein nachrangiges Darlehen auf seine Liegenschaft. Die Vorschussabteilung prüfte nun Schuldner und Pfandobjekt von neuem und bewilligte in vielen Fällen eine solche 2. Hypothek, ohne zu wissen, dass zuvor die Hypothekarabteilung gegenteilig entschieden hatte. Diese wiederum wusste nichts von dieser 2. Hypothek. Mit der Zentralisierung des Schätzwesens und der Durchsicht des Protokolls aus der Vorschussabteilung durch den Direktor der Hypothekarabteilung konnten erste Verbesserungen erreicht werden. Am Schluss musste man einsehen, dass die Vorschüsse gegen Grundpfand die komplexeren Fälle waren, weshalb die Vorschussabteilung 1937 wieder der Hypothekarabteilung angegliedert wurde.

Mit der Neuorganisation der Direktion 1978 wurden die Zuständigkeiten für die verschiedenen Kreditarten aufgeteilt. Die Kredite gegen Wertpapiere gingen im Zuständigkeitsbereich des Departements «Handel» in die Abteilung «Kommerzielle Kredite», die sich auch um Kredite an Kanton, Bund, Banken, Handel und Industrie kümmerte. Die Zuständigkeit für die übrigen Kredite verblieb im Departement «Hypotheken», in der Abteilung «Darlehen und Kredite». 1986 wurde das Departement «Kredite» geschaffen, das schliesslich wieder sämtliche Kreditfinanzierungen in einer Organisationseinheit vereinte. In den 1990er Jahren wurde die Zentralisierung des Kreditwesens wieder aufgegeben, als die Bank ihre Organisation entlang der verschiedenen Kundensegmente ausrichtete und die entsprechenden Einheiten die passenden Kredite selbst vergaben.


Inserat der Zürcher Kantonalbank, um 1950.


Grundriss des Hauptsitzes, 1928. Oben an der Talstrasse befindet sich die Hypothekarabteilung und neben dem Eingang an der Bahnhofstrasse die Vorschussabteilung.

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