Wie hoch soll «weibliche Arbeit» entlohnt werden?

Die Diskussionen um tiefere Frauenlöhne sind alt. Bereits vor über 100 Jahren gab es dazu im politisch zusammengesetzten Bankrat längere Diskussionen. Reale Beobachtungen aus dem Geschäftsalltag brachten die Dominanz vorherrschender Rollenbilder ins Wanken.

Bei den Beratungen zum neuen Besoldungsreglement 1913 fiel Bankrat Johannes Schurter auf, dass weibliche und männliche Angestellte nach verschiedenen Ansätzen besoldet würden. Er forderte den Bankrat auf, sich von der Anschauung loszumachen, «dass weibliche Arbeit ohne weiteres geringer zu bezahlen sei». Frauen hätten heute ebenfalls Pflichten zu erfüllen. In vielen Fällen sei die Hilfe der Tochter für Eltern oder Geschwister notwendig. Der Vorbehalt, dass Frauen gewöhnlich weniger leisten als Männer sei unzutreffend, und es gebe genügend Beispiele für den umgekehrten Fall. Zudem sei das Argument, dass Frauen wegen Krankheit mehr Absenzen hätten mit Blick auf die häufige Militärabwesenheit der Männer nicht stichhaltig. Auch Stadtpräsident Robert Billeter fand, dass eine Dame durchaus Buchhalterin werden könne und gleich viel oder sogar mehr leiste als ein Mann. Bankrat-Vizepräsident Emil Hafner war hingegen der Ansicht, dass Schurter als Rektor zu sehr vom Standpunkt seiner Höheren Töchterschule argumentiere und nicht auf «allgemeinem Boden». Ein «Fräulein» habe ja kaum Aussicht, eine höhere Stelle zu bekommen. Stadtrat Emil Schneebeli hielt es in kleinen Verhältnissen für möglich, dass eine Frau eine erste Stelle einnehme, aber nicht in einem Institut wie der Kantonalbank. «Es verhalte sich nun einmal so, dass der Mann berufen sei, einen Haushalt zu gründen und einer Familie vorzustehen», wird er im Protokoll zitiert. Er verstehe die Bestrebung zur Erhöhung des Frauenlohns. «Aber männliche und weibliche Angestellte einander gleich zu stellen, soweit möchte er nicht gehen.» Der Bankrat sprach sich in der Folge mehrheitlich für die Beibehaltung der separaten Lohnkategorien für «Gehülfinnen» aus.

«Im Gegensatz zu früheren Zeiten seien heute viele weibliche Personen gezwungen, Stellen zu suchen, und er glaube, dass die Kantonalbank sich mit den veränderten Verhältnissen abfinden könnte.»

Bankrat Robert Billeter laut Protokoll der Bankratssitzung vom 7. November 1913.

Ausschnitt aus dem Regulativ betreffend Besoldung (Jahreslohn) vom 21. November 1913.

Lohnkategorie der «Gehülfin» wird gestrichen

Anfang der 1920er Jahre wurde die spezielle Lohnkategorie für «Gehülfinnen» schliesslich abgeschafft, sodass Frauen und Männer nun gemeinsam in die ihren Aufgaben entsprechende Gehaltsklasse mit festgesetzten Minima und Maxima eingeteilt wurden. Auf den Gehaltslisten zeigt sich, dass einzelne Frauen mit entsprechender Ausbildung durchaus in höhere Lohnsphären für kaufmännische Angestellte aufstiegen. Die grosse Mehrheit verblieb jedoch in den unteren Kategorien des Bürohilfspersonals, entsprechend den ihnen anvertrauten Aufgaben und ihrer Vorbildung. Definitiv nicht partizipieren konnten sie an der ausserordentlichen jährlichen Gehaltsaufbesserung von bis zu 600 Franken für männliche Angestellte bei einer Verheiratung. Es ging dabei aber nicht um eine bewusste Schlechterstellung neuvermählter Frauen, vielmehr wurde zeitgemäss vom bürgerlichen Familienmodell ausgegangen, das den Mann als Alleinernährer sah. Da die Frau nach einer Heirat in der Regel aus dem Arbeitsprozess ausschied, profitierte sie immerhin indirekt vom höheren Haushaltseinkommen ihres Ehemanns.

Die Lohngleichheit ist heute immer noch ein brisantes politisches Thema. Die Zürcher Kantonalbank setzt sich für eine geschlechterneutrale Vergütungspolitik ein und lässt die Lohngleichheit alle zwei Jahre durch externe Spezialisten überprüfen; bei Bedarf nimmt sie Anpassungen vor.

Titelbild: Couponsbüro, 1958.

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