Sparen in Blau

Von der Ikone zürcherischer Sparbemühungen zum banktechnischen Fossil: Mindestens ein blaues Sparheft der Zürcher Kantonalbank war fast in jedem Haushalt des Kantons zu finden – bevor das steife Büchlein in Zeiten digitaler Bankgeschäfte seine Daseinsberechtigung verlor.

«Für grosse Teile unserer Landbevölkerung kommt überhaupt keine andere Anlage von Ersparnissen in Betracht als bei der staatlichen Bank. Aber auch in der städtischen Bevölkerung dürfte es wenige Familien geben, wo nicht das steife, blaue Sparheft der Kantonalbank zu Hause wäre.» So beschrieb die Neue Zürcher Zeitung am 26. Februar 1930 den durchschlagenden Erfolg der Zürcher Kantonalbank in der Rolle als «kantonale Ersparniskasse».

Auch in den Führungsgremien der Bank war aufgefallen, wie sehr die Kantonsbevölkerung am Sparheft hing. Mit einem Einlagemaximum versuchte man die Kunden mit grösseren Ersparnissen auf Obligationen oder Kassenscheine umzulenken, um das Kapital längerfristig an die Bank zu binden. In der Bankratssitzung vom 22. März 1929 stellte man jedoch fest, dass die Kunden bei Erreichen des Maximums Umwege fanden, das zusätzliche Geld trotzdem auf einem Sparkonto der Zürcher Kantonalbank zu parkieren: Sie eröffneten weitere Sparhefte auf den Namen der Frau oder gar der Kinder, unterhielten welche auf eigenen Namen bei verschiedenen Niederlassungen oder errichteten Hefte auf fiktive Personen. Mit der stetigen Erhöhung der Einlagemaxima fügte die Bank sich schliesslich dem offenbar dringenden Kundenbedürfnis, auch sehr hohe Beträge auf dem Sparkonto zu deponieren.

Sparheft der Zürcher Kantonalbank, eröffnet im Jahr 1943.

«Sparbecken» der Schweiz

Wie beliebt das Sparheft im Kanton Zürich war, zeigt sich darin, dass 1968 über 60 Prozent seiner Bevölkerung ein blaues Heft der Kantonalbank besassen – trotz grosser Konkurrenz auf dem Bankenplatz Zürich. Die durchschnittliche Spareinlage bei allen Banken im Kanton betrug damals 4200 Franken pro Person. Bei der Zürcher Kantonalbank waren es im Schnitt nur 2550 Franken – ein Beleg dafür, dass ihre Sparhefte auch in Bevölkerungskreisen mit geringeren Vermögen grosse Verbreitung fanden. Mit einem zehnprozentigen Anteil an den gesamtschweizerischen Sparguthaben im Umfang von 2,7 Milliarden Franken stellte die Zürcher Kantonalbank sogar das grösste «Sparbecken» des Landes dar, wie 1970 in der Jubiläumsschrift zum hundertsten Geburtstag stolz vermerkt wurde.

Aufgrund der mühsamen Kontoführung von Hand, mangelnder Flexibilität und steigender Sicherheitsbedenken war das physische Sparheft aber laut Neuer Zürcher Zeitung vom 17. Januar 2004 immer mehr zu einem «banktechnischen Fossil» geworden. So wandelte die Zürcher Kantonalbank schliesslich bis zum 1. Januar 2005 alle Sparhefte in rein elektronisch geführte Anlage- oder Sparkonten um.

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Titelbild: Mindestens ein Sparheft der Zürcher Kantonalbank war früher fast in jedem Haushalt des Kantons zu finden.

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